In den Materialwissenschaften bezeichnet der Begriff Variante (engl. variant) eine mikroskopische Ausprägung einer gegebenen Kristallstruktur oder Phase, die sich von anderen Ausprägungen nur durch Symmetrieoperationen unterscheidet. Varianten entstehen typischerweise bei Phasenumwandlungen mit Symmetrieerniedrigung, z. B. kubisch→tetragonal oder austenitisch→martensitisch.
Man unterscheidet u. a. Orientierungsvarianten, Zwillingsvarianten und Domänenvarianten. Orientierungsvarianten besitzen identische Gitterparameter, unterscheiden sich aber in der räumlichen Orientierung (z. B. durch Drehung oder Spiegelung). Zwillingsvarianten sind durch eine spezifische Zwillingsbeziehung (Spiegelebene oder Drehachse) verknüpft und bilden Zwillingsgrenzen als charakteristische Korngrenzen aus. In ferroischen Systemen (ferromagnetisch, ferroelektrisch, ferroelastisch) spricht man von Domänenvarianten, die sich durch unterschiedliche Orientierung des Ordnungsparameters (Magnetisierung, Polarisation, spontane Dehnung) auszeichnen.
Varianten sind zentral für das mechanische, funktionale und ferroische Verhalten von Werkstoffen. Die Umordnung von Varianten unter äußerer Last, Temperatur‑ oder Feldänderung (z. B. Reorientierung martensitischer Varianten in Formgedächtnislegierungen) führt zu makroskopisch messbaren Effekten wie Superelastizität, Formgedächtnis oder ferroelektrische Hysterese. Die statistische Verteilung, Größe und Grenzflächenenergie der Varianten bestimmen maßgeblich das Hysterese‑, Dämpfungs‑ und Ermüdungsverhalten. Moderne Charakterisierungsmethoden wie EBSD oder TEM werden eingesetzt, um Variantenstrukturen quantitativ zu analysieren und mit mikromechanischen Modellen zu koppeln.
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