Der Begriff Abhängigkeit bezeichnet in der Werkstofftechnik die systematische Beziehung zwischen einer oder mehreren Einflussgrößen (z.B. Temperatur, Spannung, Dehnrate, Mikrostruktur) und einer Werkstoffeigenschaft oder einem Werkstoffverhalten (z.B. Festigkeit, Zähigkeit, Leitfähigkeit, Kriechrate). Solche Abhängigkeiten werden mathematisch als Funktionen, konstitutive Gleichungen oder empirische Korrelationen beschrieben.
Typische Beispiele sind Spannungs-Dehnungs-Abhängigkeiten in elastisch-plastischen Modellen, temperaturabhängige Diffusionskoeffizienten oder Dehnratenabhängigkeiten der Fließspannung. In der Thermodynamik und Kinetik werden freie Enthalpie, Phasengleichgewichte und Reaktionsgeschwindigkeiten explizit als Funktionen von Zustandsgrößen formuliert; hier ist die präzise Identifikation unabhängiger und abhängiger Variablen zentral.
Mehrfache Abhängigkeiten ("dependences") treten auf, wenn mehrere Einflussgrößen gleichzeitig wirken, z.B. die gekoppelte Temperatur-, Zeit- und Spannungsabhängigkeit von Kriechverformung oder die gleichzeitige Abhängigkeit der Korrosionsrate von pH-Wert, Potential und Mikrostruktur. Solche multivariaten Zusammenhänge erfordern oft phänomenologische oder mikromechanische Modelle, um Wechselwirkungen korrekt zu erfassen.
Für experimentelles Design und numerische Simulation (z.B. FEM unter Verwendung komplexer konstitutiver Gesetze) ist die saubere Trennung von Ursache und Wirkung sowie die Charakterisierung der funktionalen Form der Abhängigkeiten (linear, nichtlinear, hysteretisch, pfadabhängig) entscheidend. Pfad- und verlaufsabhängige Größen, wie plastische Verformung oder Schädigung, werden mit inneren Zustandsvariablen erfasst, die die Historie als spezifische Form von Abhängigkeit kodieren.
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