Als Lamellen bezeichnet man in der Werkstofftechnik fein gestaffelte, platten- oder schichtförmige Gefügebestandteile mit ausgeprägter lateraler Ausdehnung bei geringer Dicke. Sie treten typischerweise als wiederholte Sequenzen zweier oder mehrerer Phasen bzw. Orientierungslagen auf und bilden eine charakteristische Lamellenmikrostruktur.
Prominente Beispiele sind lamellares Perlit in Fe–C-Stählen (Wechsellagen von Ferrit und Zementit), Widmanstätten-Strukturen in Titan- und Nickellegierungen oder lamellare Eutektoide und Eutektika in intermetallischen Systemen. Wesentliche Kenngrößen sind Lamellendicke, Abstand (Spacing), Orientierung und räumliche Verteilung, da sie maßgeblich Festigkeit, Zähigkeit, Kriech- und Ermüdungsverhalten bestimmen.
Die Bildung von Lamellen ist häufig diffusional oder diffusionskontrolliert und an Phasenumwandlungen erster Ordnung gekoppelt, etwa an eutektoide oder eutektische Reaktionen bei gerichteter Abkühlung. Die Morphologie wird durch Unterkühlung, Abkühlrate, chemische Zusammensetzung und elastische Wechselwirkungen der Phasen beeinflusst. Thermodynamisch resultiert eine Optimierung aus dem Wettbewerb zwischen Phasengrenzflächenenergie und Diffusionstransport.
Lamellare Gefüge ermöglichen gezielte Eigenschaftsanpassung, etwa durch Steuerung des Lamellenabstands mittels Wärmebehandlung oder kontrollierter Erstarrung. Moderne Charakterisierungsmethoden (TEM, EBSD, 3D-EBSD/FIB) erlauben die quantitative Analyse von Lamellendickenverteilungen, Orientierungsbeziehungen und Grenzflächentypen, was für die modellbasierte Beschreibung von Umwandlungskinetik und mechanischem Verhalten essenziell ist.
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