DGM Aktuell
01.09.2003 (CEST)
DGM AKTUELL 2003, 5, No. 9

„Form follows function“, das ist die Devise der Neuzeit für Designer, Graphiker und Architekten. Die Funktion muss stimmen, das Design unterstützt nur, grob gesagt. Auf jeden Fall scheint sich mit Beginn des letzten Jahrhunderts diese neue Sachlichkeit durchgesetzt zu haben: „Reduziere die Form auf das Wesentliche“. Den Wegbereitern des Werkbundes und der Bauhausbewegung sei Dank, seufzt der Ingenieur.

Die Ingenieure sind die natürlichen Feinde der Industriedesigner, sagen die Designer. „Die Schlachtlinien ziehen sich über das ganze Produkt, Geländegewinne zählen in Millimetern. Das Blech konnte nicht so extrem geformt werden, wie ich das gerne gewollt hätte“, räumte der junge Stardesigner des neuen Golf seinen Ingenieuren kürzlich ein.

Gehören wir Materialwissenschaftler auch zu seinen Feinden? Immerhin kommen viele Beschränkungen vom Werkstoff und seiner Verarbeitung. Die Ingenieure, und wir meinen hier die Konstrukteure, sind dabei eigentlich unsere Erfüllungsgehilfen. Sie wenden unsere Kataloge, Werkstofftabellen und Normen an, und zwar von eingeführten Werkstoffen, versteht sich. Bei neuen Werkstoffen geht es uns umgekehrt aber nicht anders als den Kreativen.

Und schon suchen Designer und Architekten die Nähe zum Materialwissenschaftler: Sie entdecken unentwegt neue Werkstoffe, von deren Potenzial sie bis vor kurzem vielleicht noch gar nichts ahnten. Dabei können die Künstler viel unbekümmerter von neuen Einsatzmöglichkeiten träumen als wir Materialwissenschaftler, will sagen, sich visionäre Projekte ausdenken. Sie wollen profitieren von Nano- und Mikrotechnik, die so verblüffende Funktionen versprechen.

Sie wollen den Stuhl aus CFK, als ob er mit dem großen Airbus um die Wette fliegen soll, den Golfschläger aus Titan, die schmutzabweisende Fassadenfarbe, den federleichten Kotflügel zum Wechseln passend zum Abendkleid.

Die Designer, die natürlichen Verbündeten des Materialwissenschaftlers also? Auf jeden Fall, aber dies erstreckt sich nicht nur auf die technischen Möglichkeiten, die Hochleistungswerkstoffe bieten, sondern die Designer spielen auch als Vermittler zwischen technologischer Innovation und realen Lebenswelten eine besondere Rolle.

Um diese Allianz zu erhärten, werden wir gemeinsam mit dem Rat für Formgebung eine Tagung zum Thema Werkstoffe und Design mitgestalten, die die Messe Frankfurt im Oktober in Frankfurt unter dem Namen „Material Vision“ veranstalten wird. Der Rat für Formgebung ist übrigens der Hort deutscher Gestaltungstradition, als Stiftung vor mehr als 50 Jahren vom Bundestag (!) beschlossen, um „alle Bestrebungen zu fördern, die geeignet erscheinen, die bestmögliche Form deutscher Erzeugnisse sicherzustellen“. (Da könnte man schon ein bisschen neidisch werden …)

Auf unserer Veranstaltung werden angesehene Vertreter verschiedener Disziplinen vortragen: Automobilindustrie, Flugzeugindustrie, Sport, Architektur, Textilien. Sie versteht sich als interdisziplinäre Plattform der Bereiche Forschung, Gestaltung und Anwendung und möchte auf Synergien aufmerksam machen.

Sie richtet sich an Designer und Architekten, die Materialentscheidungen zu treffen haben, ebenso wie natürlich an Materialentwickler und Werkstofftechniker, aber auch an Produktmanager und Marketingfachleute. Studenten und Absolventen der Fächer Design, Architektur und Werkstofftechnik sind von beiden Institutionen aufgerufen, in einer Posterpräsentation aktuelle Hochschulprojekte anzumelden.

Ist das nicht eine vielversprechende Allianz?

Ihr
Peter Paul Schepp

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