
„Materialwissenschaft und Werkstofftechnik“ klingt inzwischen ziemlich vertraut und hat auch irgendwie den richtigen Rhythmus. Das fanden auch die Teilnehmer unseres Ausbildungsausschusses, der am 10. Februar in Frankfurt unter der Leitung von Prof. Biemann, Freiberg, und unter Mitwirkung der Deutschen Forschungsgemeinschaft in guter Besetzung zusammengekommen war. Sie stellten die Frage nach einer stringenteren Bezeichnung unseres Faches.
Anlass war die enttäuschende Erfahrung, die unser Fachgebiet beim Hochschul-Ranking der Hochschulen machte, bei dem eine Vertretung eines Fachgebietes an mindestens 16 deutschen Hochschulen ausgewiesen sein muss, um zugelassen zu werden. Durch die große Orientierungsvielfalt unseres Faches an deutschen Hochschulen wurde die Zahl nicht erreicht.
Nun wurden die verschiedenen Varianten im Ausschuss diskutiert: Die Begriffe „Werkstoffwissenschaft“ (oder der Plural), „Materialwissenschaft“, „Materialtechnologie“, „Werkstofftechnik“ oder „Werkstoffingenieurwesen“ greifen einzeln offensichtlich an einem Ende immer zu kurz. Im angelsächsischen Raum scheint sich „Materials Science and Engineering“ etabliert zu haben, obwohl ja dort sprachlich die Unterscheidung „Werkstoff“ und „Material“ kein Thema ist.
So kam denn im Ausschuss ein breites Votum für „Materialwissenschaft und Werkstofftechnik“ zustande, und der Ausschuss nahm sich vor, diese Bezeichnung nun in die öffentliche Diskussion zu tragen.
Weniger Freude kam auf beim angelsächsischen Vorbild in Sachen Studienabschlüsse. „Bachelor“ und „Master“ sind auf dem Vormarsch, manche Bundesländer planen im Rahmen von Hochschuloptimierungskonzepten bereits zum nächsten Wintersemester die vollständige Umstellung. Adieu „Diplomingenieur“, adieu deutsche Grundausbildung?
„Dabei gibt es doch weit und breit in der Welt keinerlei Akzeptanzprobleme für unsere Absolventen.“ heißt es im Ausschuss. Wozu also die Umstellung? Bessere Studien- oder Arbeitsplatzchancen, der Austausch von Spezialisten bzw. die gegenseitige Anerkennung von Abschlüssen im vereinten Europa liegen in der Tat als Argument auf der Hand.
Müssen wir nicht akzeptieren, dass wir in Europa angekommen sind, und dass der föderale Kontext formale Anpassungen erfordert, auch wenn die eigenen Standards oft sogar unterlaufen werden? Müssen wir andernfalls nicht eine ähnliche Entwicklung befürchten wie anlässlich der ISO-9000-Einführung bzw. der damit zusammenhängenden Zertifizierung anfangs der 90er Jahre?
Die deutschen Unternehmen waren mit bilateralen Absprachen zwischen Kunde und Lieferanten zuvor sehr gut gefahren. Nun wurden sie von der Diskussion und schließlich von der Gesetzgebung in Brüssel relativ spät überrascht, in die sich die anderen europäischen Industrieländer, namentlich England und Frankreich, schon sehr viel früher eingebracht hatten. Hätte die frühere Mitsprache nicht tiefer gehende Mitgestaltungsmöglichkeiten eröffnet?
Gleichwohl, die Diskussion von gesamteuropäischen Ausbildungsstandards ist vielschichtiger: Die Studiengänge „Bachelor“ und „Master“ beruhen ja derzeit keineswegs auf europaweit wohl abgestimmten Qualifikationsprofilen. Schließlich geht es in Deutschland z. B. auch darum, welche Bedeutung der universitäre „Bachelor“ einerseits und der Fachhochschul-„Master“ andererseits haben soll.
Wir sollten das Kind nicht mit dem Bad ausschütten. Bieten wir doch die neuen Abschlüsse an, ohne die bewährten Diplomabschlüsse aufzugeben. Die Kultusministerkonferenz hat Mitte letzten Jahres diese Möglichkeit sogar über das Jahr 2010 hinaus ausdrücklich vorgesehen.
Ihr
Peter Paul Schepp
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