
Das war also 1996. Für die DGM ein Jahr mit vielen Neuerungen. Keine kleinere Anpassung mal hier bei der Hauptversammlung, mal da bei den Fachausschüssen. Eigentlich wird einem erst im Rückblick so richtig bewusst, wie sehr sich die Zeiten ändern. Und wir können sagen: Wir leben nach diesen existenzbedrohenden Jahren, ja, wir haben wieder einigermaßen normalen Tritt gefasst. Nicht nur pflichtgemäß, nicht defensiv, nicht randständig, sondern selbstbewusst und mitten drin spielen wir wieder mit.
Es fing mit der Werkstoffwoche an. Die Idee dazu hatten die drei Geschäftsführer ganz spontan im September 1994 in Stuttgart. Da war alles noch sehr zögerlich, das Vertrauen, wie es sich für Wettbewerber gehört, auf kleiner Flamme. Was würden die Altvorderen sagen, wenn sie anfingen zu mutmaßen, der Geschäftsführer verkaufe die Seele der Gesellschaft? Würden sie am Ende sogar recht behalten, und würde die DGM die Kraft haben mitzuhalten, wenn die Partner davonzögen? Auf der anderen Seite spürten wir alle drei, dass nur eine gemeinsame Großtat unserem Fachgebiet den richtigen Schub verleihen würde.
Es ist alles gut gegangen. Die Werkstoffwoche war gleich als erste Veranstaltung außerordentlich erfolgreich. Die Lösung des Dilemmas, und zugleich der größte Schutz vor Überfremdung, war schlicht Arbeit. Und davon gab es genug. Musste nicht alles Wichtige und vielleicht auch Unwichtige jetzt in jeder Stufe partnerschaftlich abgestimmt werden? Musste nicht jede Veröffentlichung mit viel Bedacht auf Neutralität getrimmt werden? Wie erklärt man das einem Pressevertreter, der das partout nicht begreifen will? Wer durfte in die Gremien, Programmausschuss, Ausstellerbeirat und so weiter? Welcher Zopf durfte welcher Gesellschaft abgeschnitten werden? Genau diese Fragen trieben uns um. Und nicht erst seit Anfang 1996. Da war vieles schon gelaufen. Wir steckten Anfang 1996 in der letzten Phase der Programmerstellung. Diese Aufgabe hatte die DGM übernommen. Sie hatte von ihren Hauptversammlungen die größte Erfahrung mit großen Vortragskontingenten. Aber 800 eingereichte Abstracts waren es früher nicht annähernd. Wahnsinn. Nun, wir haben es geschafft. Und die Szene sagt, wir haben es gut gemacht. Das war so ein Mosaikstein zum Selbstbewusstsein.
Jetzt setzen wir das Projekt natürlich fort. 1998 soll die nächste Werkstoffwoche folgen. Wir kämpfen zur Zeit um gute Konditionen bei den Messegesellschaften. Es ist kaum zu glauben: Schon nach dem ersten Mal sind wir begehrt. Aber jetzt fällt uns erst auf, dass wir richtige Verträge aushandeln müssen. Mit der Messe, und, ein Rechtsberater hat uns auf die Idee gebracht, auch miteinander. Nun ja, das Schlimmste an diesen Verträgen ist, dass sie uns so lange aufhalten. Aber sie sind unumgänglich. Das sehen wir ein.
Also machen wir natürlich weiter mit dem Gemeinschaftsprojekt. Zusammen mit dem BMBF, das sich ausdrücklich wieder für die Zusammenarbeit ausgesprochen hat. Wieder so ein kleines Mosaiksteinchen. Und wir möchten weitere Gesellschaften einladen, sich einzubringen. So viel hat die Veranstaltung 1996 nämlich gezeigt: Wir drei Vereine decken längst nicht alle Facetten unseres Faches ab. Vor allem bei den Polymeren hapert es. Und die Ausstellung soll größer werden, mit einem noch aktiveren Forum und möglichst auch Themen- oder Branchenständen. Das will vor allem die Messe. Dafür tut sie uns manchen Gefallen. In ein bis zwei Monaten winkt dann EUROMAT 99. Die Werkstoffwoche auf europäisch. Wir üben schon mal. Jedenfalls ist uns ja die erste Veranstaltung 1989 in Aachen schlecht gelungen. Aber die 99er wird besser. Mehr darüber beim nächsten Mal.
Fast unbemerkt, jedenfalls für die Erwachsenenwelt, hat Ende August in Lausanne zum dritten Mal die JUNIOR EUROMAT stattgefunden. Sie hat sich inzwischen sehr gut etabliert. Es kamen wieder 300 Studenten und Doktoranden aus 27 Ländern. Als besonderes Highlight wurde im Rahmen der Tagung in diesem Jahr das von der DGM koordinierte EU-Projekt „Establishing a Materials Science Education Network“ in Form einer Internet-Präsentation erstmals öffentlich vorgestellt, das am 31. August 1996 nach über zwei Jahren Laufzeit zu Ende ging. Über das Projektergebnis möchten wir in einer der nächsten Ausgaben von DGM AKTUELL berichten. Hier schon einmal die Internet-Adresse: http://www.matnet.mcs.de.
Tu Gutes und rede darüber. Nach diesem Motto haben wir im März die Zusammenarbeit mit einer Agentur für Öffentlichkeitsarbeit begonnen, bei deren Finanzierung die Firmen des Kuratoriums mithalfen. Die Werkstoffwoche war praktisch der Anfang. Wir haben einen über 50-seitigen Pressespiegel zusammengetragen. Was bedeutet uns das? So viel ist klar: Wir müssen öffentlicher werden, politischen Einfluss gewinnen. Ja, wir Ingenieure und Naturwissenschaftler brauchen ein neues politisches Selbstverständnis. Wir müssen die Bedeutung unseres Fachgebietes auch der breiten Öffentlichkeit bekannt machen. Sobald nämlich heute spektakuläre technische Neuigkeiten am Horizont erscheinen, bei denen fast immer Werkstoffe entscheidend im Spiel sind, verkünden dies meist Politik und Wirtschaft, allenfalls klassische Ingenieure, Maschinenbauer, Elektrotechniker oder Chemiker. Wo bleiben wir als Werkstoffbranche, die wir den Erfolg so oft erst möglich machen? Wer kennt uns in der Öffentlichkeit? Wo bleiben wir vor allem als technisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft? Schon allein die miserablen Anfängerzahlen an den Universitäten müssten uns anstacheln, hier etwas zu tun, auch mit Blick auf das Gemeinwohl.
Aber die Sache mit der Öffentlichkeitsarbeit scheint in unserem Fach gar nicht so einfach zu sein. Das müssen wir nach einem knappen Jahr Erfahrung leider sagen. Professionelle Transporteure unserer Nachrichten gibt es viele. Aber wer bereitet die Nachrichten auf? Wer macht sie griffig? Wer verbiegt sich schon mal, wenn dem Burgersvektor nicht angemessen entsprochen wird? Kurz: Wie hoch lässt sich der Erfolg der Werkstofftechnik aufhängen? Kann diese Arbeit im Vorfeld der Veröffentlichung die Geschäftsstelle übernehmen? Im Prinzip gibt es kaum eine geeignetere Stelle. Hier laufen sehr viele Informationen zusammen. Aber uns fehlen einfach die Ressourcen, denn wir müssen zunächst das finanzielle Überleben jenseits der Mitgliedsgebühren sichern. Wir brauchen deshalb Unterstützung. Vielleicht finden sich ja weitere Firmen über das Kuratorium hinaus. Unterstützung auch von Ihnen, liebe Mitglieder, in den Branchen und auch von den Universitäten, und zwar in Form von spektakulären Berichten zu Ihrer Arbeit, Ihren Produkten. Besonders die technologieorientierten Fachausschüsse hätten hier hervorragende Voraussetzungen. Die Presse ist bereits auf uns aufmerksam geworden, nicht zuletzt durch die Werkstoffwoche. Jetzt müssen wir nachlegen und uns als Gesellschaft präsentieren, die Stellung bezieht.
Dass wir Profil gewonnen haben, können wir jetzt auch durch unsere neue Geschäftsstelle zum Ausdruck bringen. Der Umzug war sozusagen die Krönung in diesem Jahr. Seit 1. Oktober residieren wir in Frankfurt in der Nähe der Messe, in einschlägiger technisch-wissenschaftlicher Umgebung. Wir freuen uns jedenfalls sehr.
DGM AKTUELL hat Sie auch in diesem Jahr wieder regelmäßig begleitet. Regelmäßig? Jedenfalls haben wir jetzt schon zwei Jahrgänge geliefert, und zwar wie versprochen zwei Ausgaben pro Jahr. Wir würden Ihnen gerne drei oder sogar vier Ausgaben jährlich bescheren, schon allein wegen der Öffentlichkeitswirkung. Und natürlich, damit Sie, liebe Mitglieder, neben den vielen einnehmenden Veranstaltungs- und Buchankündigungen ein ständiges unverfängliches Zeichen Ihrer DGM noch regelmäßiger auf dem Nachttisch liegen haben. Unsere Bemühungen halten an.
Ad multos noctes.
Ihr
Peter Paul Schepp
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