
‘More of the same‘, so kommentieren Kritiker unsere Hauptversammlung und meinen damit, dass die HV von ihrem hochwissenschaftlichen Elfenbeinturm nicht herunterkommt, dass insbesondere für den Praktiker zu wenig innovative Werkstofftechnik geboten wird oder dass die brennenden Themen der Zukunft nicht angepackt werden.
Aber waren diese Kritiker in den letzten Jahren wirklich einmal an Ort und Stelle? Haben sie zum Beispiel in Osnabrück miterlebt, wie die Fachgebiete Mikroelektronik, Lasertechnik oder Dünne Schichten in großer Breite auf dem Programm standen? Haben die etwas weiter weg Stehenden erkannt, dass dies gleichzeitig auch die Namen von neuen DGM-Fachausschüssen sind? Ist überhaupt genügend bekannt, dass nach einem neuen Konzept der HV eben die Fachausschüsse verantwortlich zeichnen für die Programmstruktur? Und die Fachausschüsse sind ja nun wirklich Ausdruck von lebendiger Wechselwirkung zwischen Forschung und Praxis. Der Namenswechsel vor knapp zwei Jahren hat in diesem Sinne bereits einige Veränderungen nach sich gezogen: Die DGM kümmert sich nun auch um die anderen Werkstoffgruppen, Keramik und Polymere, und bemüht sich vor allem um mehr Anwendung. ‘More of the same‘ gilt aus dieser Perspektive also sicher nicht.
Aber auf der anderen Seite: Warum nicht auch ‘More of the same‘? Die reine Metallkunde ist die Grundlage unserer praktischen Arbeit. Metallkundler und Metallphysiker haben ihre ureigene Heimat in der DGM. Die HV spiegelt diese Breite ihrer Mitgliederschaft wider, und sie schafft es, die vielfältigen Facetten zu integrieren. Auch die esoterischste, aus Sicht der Praktiker, Aussage darf bei der HV artikuliert, die wildesten Versetzungskonfigurationen diskutiert werden. Hier bedeutet ‘More of the same‘ Anspruch und Verpflichtung auch gegenüber den Jüngeren unter uns, denen wir alle auf der HV Gelegenheit geben, sich mit ihren Diplom- und Doktorarbeiten zu profilieren.
Die HV also ein thematischer Bauchladen? Das stimmt eben auch nicht. Das wäre richtig, wenn es zu jedem Thema nur einzelne Aussagen gäbe. In Wirklichkeit sind aber zum Beispiel dieses Jahr in Graz über 280 Vortragsanmeldungen eingegangen. Wir haben davon 160 Vorträge ausgesucht und in fünf parallele Sitzungen eingeteilt. Der Rest sind Poster. Das ist wie fünf Symposien in einem. Neben den spezifizierten Themen haben sich durch die Ausschreibung neue interessante Gruppen ergeben.
Da ist aber noch etwas, für das es sich lohnt, nach Graz zu kommen: Wir tun bei solchen Diskussionen so, als ob uns allein an der technischen oder wissenschaftlichen Ausbeute einer Vortragsveranstaltung gelegen ist. Aber in Wirklichkeit erwarten wir ja mehr. Wir erwarten vor allem auch die gesellschaftliche Komponente in unseren Veranstaltungen, das Gefühl dazuzugehören, ein bisschen ‘Happening‘ im besten Sinne. Wo wäre dieser Anspruch besser verwirklicht als bei ‘unserer‘ HV? Wo noch wird ein solches Rahmenprogramm geboten, von begeisterten, ehrenamtlichen Ortsausschüssen getragen? Zugegeben, für die Jüngeren mag das Rahmenprogramm manchmal noch ein bisschen einseitig wirken. Das wollen wir aber in Zukunft besser machen.
Sonst gibt es nichts auszusetzen? Die Thematik ist nun in der Tat breit genug. Aber benutzen wir die richtigen Methoden der Auseinandersetzung? Sind Vorträge allein das angemessene Mittel, um eine Problematik zu klären? Was halten Sie von Panel-Diskussionen, von Fachgesprächen während der HV? Bitte teilen Sie mir Ihre Vorstellungen mit. Für die HV 1992 in Hamburg ist noch vieles möglich. Auch die Fachausschuss-Themen für die HV 1992 liegen keineswegs fest. Es wäre schön, wenn mich Ihre Vorschläge noch vor dem 1. Mai 1991 erreichten.
Noch ein Wort zu den Teilnahmegebühren: Sie sind vielen Universitätsangehörigen zu hoch. Der Ruf nach spartanischerer Umgebung, Hörsaal, nach weniger Blumen, nach weniger Rahmen, ist zu hören. Ist diese Meinung repräsentativ? Können wir mit dieser Perspektive unseren gesellschaftlichen Anspruch erfüllen? Im Allgemeinen erlauben die Universitätsgebäude keine Programmstruktur, bei der man leicht von Sitzung zu Sitzung springen kann. Die Poster sind in der Pause immer irgendwo weit weg. Und leider sind Universitätsverwaltungen erfahrungsgemäß weniger kooperativ als kommerziell denkende Kongresshallen-Manager. Was wir hier sparen, belastet die Geschäftsstelle unverhältnismäßig mehr. Gemessen an anderen Veranstaltern kommt die DGM in vielen Fällen übrigens gar nicht schlecht weg, trotz ansprechendem Rahmen. Wir bieten zudem für viele Teilnehmergruppen nennenswerte Gebührennachlässe.
Kommen Sie also nach Graz und verleihen Sie der HV den Rahmen, den sie verdient. Wir haben der HV-Ankündigung in dieser Ausgabe mehrere Seiten gewidmet und hoffen, dass Sie sich überzeugen lassen. Das Programmheft schicken wir auch Ihnen, den Mitgliedern, anders als in den Vorjahren dafür in diesem Jahr erst auf Anfrage und natürlich auf Ihre Anmeldung hin zu. Dadurch können wir viel Geld sparen. Ich würde mich freuen, wenn Sie damit zurechtkämen. Gleichwohl werden wir Ihnen satzungsgemäß drei Wochen vor der HV noch eine Einladung zur Mitgliederversammlung zukommen lassen.
Auch bei anderen zukünftigen Veranstaltungen wollen wir mehr und mehr dazu übergehen, die Einzelwerbung bei Ihnen, den Mitgliedern, durch Ankündigungen in DGM-AKTUELL zu ersetzen. Als ersten Schritt haben wir in dieser Ausgabe einen aus unserer Sicht recht vollständigen Veranstaltungskalender der Werkstoffszene veröffentlicht. Damit können Sie DGM-Veranstaltungen besser einordnen. Auch die Fachausschusssitzungen sind in einem eigenen Kalender aufgeführt. Dazu nennen wir die Jubelgeburtstage unserer Mitglieder sowie die neuen Mitglieder. Ganz neu ist für die DGM die Praktikantenbörse. Erfreulicherweise haben sich innerhalb kürzester Zeit viele Firmen angeboten.
Der DGM-Tag nimmt in der Berichterstattung wieder breiten Raum ein. Es ging um die Fachausschüsse und unsere Aktivitäten in den neuen Bundesländern. Auch auf die Ziele des Vorjahres haben wir einen kurzen Blick geworfen. Informationen zur f.e.m.s. sind diesmal nicht explizit vertreten. Die f.e.m.s. wird demnächst einen eigenen Newsletter herausbringen, den wir an alle DGM-Mitglieder verteilen.
Mit einigen Seiten zur Forschungsförderung, darunter ein Interview mit Bundesforschungsminister Riesenhuber, und den Berichten über die Herbstveranstaltungen ist DGM-AKTUELL diesmal auf 64 Seiten angewachsen. Auch die Anzeigenfläche hat etwas zugenommen, leider noch nicht proportional. Aber das ist sicher nur eine Frage der Zeit.
Viel Spaß beim Lesen. Die nächste Ausgabe wird hauptsächlich über die HV berichten, über die Mitgliederversammlung und den Geschäftsbericht 1990. Auch hoffe ich, bis dahin die Auswertung der Datenerhebungsbögen vorstellen zu können, die ich Ihnen im Januar vorgelegt habe.
Ihr
Peter Paul Schepp
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