DGM aktuell
01.06.1996
DGM Aktuell 1996 06

Wenn Sie diese Zeilen lesen, ist die Vorbereitung der Werkstoffwoche abgeschlossen. Immerhin wissen wir schon jetzt, dass sich mindestens 1200 Teilnehmer für das Vortragsprogramm angemeldet haben und die Ausstellung mit über 80 Ausstellern beziehungsweise über 1000 qm Fläche belegt ist. Ein schlechter Start? Im Gegenteil: ein Rekordergebnis auf unserem Fachgebiet, auf das wir sehr stolz sein können, auch wenn wir den Stolz ein wenig teilen müssen.

Freilich erreichen diese Zahlen noch nicht das große nordamerikanische Vorbild, die „Materials Week“, die jährlich von den beiden Werkstoffgesellschaften TMS und ASM organisiert wird und 6000 bis 8000 Teilnehmer zählt. Aber wir haben ja gerade erst angefangen. Wobei das nicht ganz stimmt: Bereits vor 69 Jahren gab es in Deutschland eine vereinsübergreifende Werkstoffschau, und zwar 1927 in Berlin. Diese Veranstaltung bestand in erster Linie aus einer Ausstellung, in der die nach dem Ersten Weltkrieg gerade wieder konsolidierten Werkstoffbranchen großzügig präsentiert wurden. „Aluminium“ hieß damals schlicht eine Abteilung, eine andere „Stahl“ oder „Magnesium“, oder die Struktur folgte den Produktformen wie Drähte oder Bleche. Wieder andere Abteilungen orientierten sich an Untersuchungsmethoden wie Physik oder Metallographie. Diese erste Werkstoffschau lockte innerhalb von zwei Wochen 235 000 Besucher an. Das setzt Maßstäbe.

Die Vorbereitung und Durchführung des Werkstofftages 1927 erfolgte nach einem ähnlichen Konzept wie die Werkstoffwoche 1996. Drei Vereine, damals DGM, VDEH und VDI, hatten sich in einem arbeitsteiligen Projekt zusammengetan. Die Motive sind nicht überliefert, aber man darf annehmen, dass sie sich nicht wesentlich von den heutigen unterschieden. Unser Fachgebiet ist sehr heterogen, und noch heterogener ist die Vereinslandschaft. Bei der Größe des deutschsprachigen Einzugsgebietes bleiben wir als Einzelveranstalter mit unseren Tagungen oft unterkritisch. Die Grundkosten einer professionell organisierten Veranstaltung erfordern, bei erträglichen Teilnahmegebühren, eine Mindestteilnehmerzahl, die wir selten sicher prognostizieren können. Bei der Werkstoffwoche haben wir diese Grenze erstmals klar überschritten.

Größere Teilnehmerzahlen sind jedoch nur ein Aspekt arbeitsteiliger Zusammenarbeit. Ein weiterer Aspekt betrifft Sie, die Teilnehmer. Viele von Ihnen lassen uns wissen, dass es zu viele Tagungen gibt. Die Zeit für den Besuch so vieler Veranstaltungen fehlt, auch wenn die Themen noch so interessant sind. Andererseits möchte jeder Verein die Themen, für die er sich besonders kompetent fühlt, mit einer eigenen Tagung in die Fachöffentlichkeit tragen. Nun haben drei Vereine ihre Kräfte gebündelt und sogar ihre Jahrestagungen in eine Gemeinschaftsveranstaltung eingebracht. Dadurch können wir Ihnen ein breites thematisches Spektrum anbieten, in dem sich die jeweilige Kompetenz der beteiligten Gesellschaften widerspiegelt.

Gemeinschaftliche Veranstaltungen sollten jedoch nicht nur unter Kostenoptimierungsaspekten betrachtet werden, sondern auch thematisch. Klassisch definierte und überschaubare Themenbereiche, wie sie sich 1927 noch darstellen ließen, sind angesichts der heutigen Forderung nach Umsetzung von Werkstoffforschung in die Anwendung immer weniger ausreichend. Wir wissen um die strategische Bedeutung von Werkstoffen und Werkstofftechnik für nahezu alle Produktbereiche, insbesondere in den Schlüsseltechnologien. Wie bringen wir diese Themen dem Konstrukteur oder Fertigungsingenieur nahe? Warum nicht in einer gemeinsam getragenen, breit angelegten Tagung, die durch ein höheres Maß an Neutralität auch in Anwenderkreisen Akzeptanz findet? Dies hat letztlich auch das BMBF dazu bewogen, sich als Partner in die Werkstoffwoche einzubringen. Entsprechend lag es nahe, die Schwerpunktthemen von MaTech, dem neuen Förderprogramm der Bundesregierung, zur Strukturierung der Werkstoffwoche heranzuziehen. Ob wir das als DGM allein erreicht hätten, darf zumindest gefragt werden.

Gemeinsame Trägerschaften bei Veranstaltungen sind im Übrigen nichts Neues. Seit mehr als zehn Jahren entstehen zahlreiche Tagungen aus der kontinuierlichen Zusammenarbeit in Gemeinschaftsausschüssen. Dabei wird die Organisation jedoch von Tagung zu Tagung zwischen den Trägergesellschaften weitergereicht. Die Frage ist, ob es sich eine Einzelgesellschaft leisten kann, sechs, acht oder gar fünfzehn Jahre zu einem Thema keine Veranstaltung anzubieten, nur weil sie nicht „an der Reihe“ ist. Arbeitsteilige Organisation vermeidet diese Schwierigkeit. Die Werkstoffwoche ist ein erster konsequenter Schritt in diese Richtung.

Damit Sie das untenstehende Foto der Krypta der Abteikirche Maria Laach richtig einordnen können, zum Abschluss noch ein kurzer Erlebnisbericht aus den Anfängen der Vorbereitung der Werkstoffwoche, der zeigt, wie unterschiedlich DGM, DKG und VDI ihre Prioritäten bei der Tagungsorganisation setzen. Zum Kennenlernen und zur Abstimmungsarbeit trafen sich die drei Geschäftsführer im vergangenen Jahr einmal im Monat an einem Sonntagnachmittag in der Einsamkeit der Eifel, im Kloster Maria Laach. Ich erinnere mich an einen Sonntag im Herbst, als wir das Budget aufstellten. Einer schlug zaghaft einen Betrag von 20 000 DM für die Werbung vor. Diese Verschwendung, denn bekanntlich ist die Hälfte der Werbung rausgeworfenes Geld, konnte ein anderer kaum ertragen und versuchte, den Ansatz zu drücken. Als wir zum Budget für das Essen kamen und die Hochrechnung etwa 120 000 DM ergab, schlug ausgerechnet derselbe vor, das Essensbudget vorsorglich auf 200 000 DM aufzustocken, mit dem Argument, dass schlechtes Essen die gesamte Veranstaltung gefährden würde. Am Ende fanden wir natürlich einen Kompromiss, nicht nur beim Essen und bei der Werbung.

Urteilen Sie selbst, liebe Mitglieder, was aus unseren unterschiedlichen Sichtweisen geworden ist. Ist die Werkstoffwoche nicht ein großer Erfolg? Wann wünschen Sie sich die nächste Werkstoffwoche, und was können wir vielleicht noch besser machen? Bitte schreiben Sie uns.

Ihr
Peter Paul Schepp

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