Präzision bezeichnet in der materialwissenschaftlichen Experimentierpraxis die Streuung wiederholter Messungen unter unveränderten Bedingungen. Sie beschreibt die Reproduzierbarkeit eines Messwertes und ist strikt von der Richtigkeit (Accuracy), also der Nähe zum wahren Wert, zu unterscheiden. Ein Messsystem kann hoch präzise, aber systematisch falsch sein.
In der Werkstofftechnik wird Präzision typischerweise statistisch über Standardabweichung, Varianz oder den Variationskoeffizienten quantifiziert. Bei Instrumenten wie Nanoindentern, Zugprüfmaschinen oder Kalorimetern spricht man von instrumenteller Präzision, welche durch mechanische Stabilität, Rauschpegel der Sensorik, Temperaturdrift und Datenakquisition bestimmt wird.
Spezifische Ausprägungen sind z. B. die Injektionspräzision in thermischer Analyse oder chromatographisch gekoppelten Verfahren (z. B. GPC für Polymere), bei der das Volumen und die zeitliche Reproduzierbarkeit der Probenaufgabe die Streuung der gemessenen Materialkennwerte direkt beeinflussen.
Für die Bewertung von Werkstoffdaten ist zwischen innerhalb einer Serie (Repeatability) und zwischen Serien/Laboren (Reproducibility) zu unterscheiden. Normen (z. B. ISO, ASTM) fordern deshalb Mindestanforderungen an Präzision und statistische Auswertung, etwa Mindestanzahl an Probenkörpern, Ausreißeranalyse und Angabe von Konfidenzintervallen.
Hohe Präzision ist essenziell für: (i) die Detektion kleiner Gefüge- oder Zustandsunterschiede, (ii) die Parametrisierung numerischer Modelle (z. B. FE‑Materialkarten) und (iii) die Langzeitüberwachung von Alterungs- und Schädigungsprozessen. In der Methodenetablierung ist die Trennung von instrumenteller Präzision, Probenvariabilität und Bedienereinfluss zentral, typischerweise durch systematische Varianzanalysen (ANOVA).
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