40. Vortrags- und Diskussionstagung Werkstoffprüfung 2022
Plenarvortrag
28.10.2022 (CEST)
Ist Recycling eine notwendige oder hinreichende Bedingung für ein nachhaltiges Produkt?
FD

Dr. Fredy Dinkel

Carbontech AG

Dinkel, F. (V)¹
¹Carbontech AG, Basel (Switzerland)
Vorschau
34 Min. Untertitel (CC)

Verpackungen werden sehr oft als überflüssig und grosse Umweltbelastung wahrgenommen. Als Königsweg, um die Umweltauswirkungen zu reduzieren, gilt neben dem Vermeiden von Verpackungen das Recycling oder deren Herstellung aus nachwachsenden Rohstoffen und die Kompostierbarkeit. Um zu prüfen, ob diese Strategien tatsächlich zur Nachhaltigkeit beitragen, bzw. eine Grundvoraussetzung dafür sind, muss zuerst die Farge geklärt werden, wie dies gemessen werden kann. Dabei beschränke ich mich primär auf die ökologische Nachhaltigkeit und gehe kurz auf die soziale Nachhaltigkeit ein. Für erstere ist heute die Lebenszyklusanalyse oder Life cycle assessment (LCA) die umfas-sendste Methode und für zweitere die Social-LCA [1]. Eine Vielzahl von Untersuchungen zeigen, siehe z.B. [2], dass Recycling gegenüber Neuherstellung und Entsorgung in den meisten Fällen zu einer Reduktion der ökologischen und sozialen Auswirkungen führt. Also scheint Recycling eine hinreichende Bedingung zu sein. Doch Verpackungen wie auch andere Güter werden nicht hergestellt, weil sie rezykliert werden können, sondern weil sie einen Nutzen haben. Daher ist die entscheidende Frage eine andere. Wie kann die gewünschte Funktion mit den geringsten Auswirkungen erreicht werden? Auf diese Frage gibt es eine andere Antwort, wie das Beispiel einer Studie zu rund 50 Getränkeverpackungen zeigt [3]. Die ökologisch beste Verpackung wird nicht rezykliert und diejenige mit der höchsten Belastung hat eine Recyclingquote von 94%. Recycling ist also weder notwendig noch hinreichend für eine ökologische Verpackung. Ebenso wenig gibt es eine einfache Regel für Werkstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen und Kompostierbarkeit, siehe z.B. [4]. Bezüglich Auswirkungen auf das Klima haben diese oft Vorteile, welche erkauft werden durch höhere Belastungen beim landwirtschaftlichen Anbau. Falls sie aus biogenen Reststoffen hergestellt werden, haben sie meist geringere Auswirkungen. Eine Problematik die bekannt ist aus LCAs von biogenen Treibstoffen.

Interessant wird es bei der Betrachtung des Nutzens von Verpackungen. Dabei ist die Schutzfunktion sicher eine der wichtigsten und da zeigt es sich, dass diese in den meisten Fällen wesentlich relevanter ist als die Herstellung und Verwertung der Verpackungen. Diese Betrachtungen zeigen auch, wo die grossen Optimierungspotentiale liegen.

Zudem verlangt jedes zu verpackende Gut nach anderen Werkstoffeigenschaften und je nach Werkstoff sind andere Nachhaltigkeits-Strategien gefragt, wobei Recycling eine davon ist. Diese Erkenntnis-se gelten nicht nur für Verpackungen, sondern lassen sich sinngemäss auf andere Anwendungen übertragen.


Referenzen
[1] UNEP, Guidelines for social life cycle assessment of products. Paris, France, 2009
[2] Dinkel, F., Kägi, T., & Weber, L., Ökologischer Nutzen von Recyclingsystemen in der Schweiz, Swissrecycling, Zürich, 2017
[3] Dinkel, F., & Kägi, T., Ökobilanz Getränkeverpackungen, Bundesamt für Umwelt, Bern, 2014
[4] Dinkel, F., Roberts, G., & Zschokke, M., Ökobilanz von Versandhüllen für Zeitschriften. Bundesamt für Umwelt, Bern, 2021.

Abstract

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