Facetten bezeichnen in der Werkstoffwissenschaft wohldefinierte, meist ebene Bereiche einer Oberfläche, die durch spezifische kristallographische Orientierungen charakterisiert sind. Auf atomarer Ebene entsprechen Facetten bestimmten Netzebenen mit niedriger Miller-Indexierung (z. B. {111}, {100}), die energetisch besonders günstig sind.
Kristallographische Facetten entstehen typischerweise durch anisotrope Oberflächenenergie. Flächen mit minimaler spezifischer Oberflächenenergie werden bevorzugt ausgebildet und bestimmen gemäß der Wulff-Konstruktion die Gleichgewichtsform von Kristallen und Partikeln. Dies ist besonders relevant bei Einkristallen, Dünnschichten und Nanopartikeln, bei denen das Verhältnis Oberfläche/Volumen groß ist.
Facettierung beeinflusst eine Reihe funktionaler Eigenschaften: (i) mechanisch durch bevorzugte Gleitsysteme und Spaltflächen; (ii) chemisch durch orientierungsabhängige Adsorption, Korrosion und Oxidation; (iii) katalytisch durch unterschiedliche Oberflächenreaktivität verschiedener Facetten. In der Nanokatalyse werden etwa gezielt Partikel mit dominanten {111}- oder {100}-Facetten synthetisiert, um Reaktionsraten und Selektivität zu steuern.
Experimentell werden Facetten mittels Elektronenmikroskopie und Beugungsverfahren charakterisiert, oft in Kombination mit orientierungsauflösenden Methoden wie EBSD. Theoretisch werden Facettenstabilität und -morphologie über Dichtefunktionaltheorie, Oberflächenenergie-Berechnungen und Phasengleichgewichtsmodelle beschrieben.
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