
„Es gibt zu viele Tagungen.“ Kaum eine Gremiensitzung vergeht ohne diese Klage. Und dennoch gibt es immer mehr Tagungen. Neben den zahlreichen Vereinsveranstaltungen und den vielen kommerziellen Angeboten bietet jedes Institut, das auf sich hält, regelmäßig eine Tagung an, um sich der Szene zu präsentieren. Kaum ein Jubiläum, das nicht von einer wissenschaftlichen Tagung begleitet wird.
Dabei sind diese Veranstaltungen durch die Bank gut besucht. 100 bis 200 Besucher kommen leicht zusammen, vor allem, wenn der Kollege ruft. Zu viele Tagungen also?
Vor etwa acht Jahren hatten wir uns mit der DKG und der VDI-Gesellschaft Werkstofftechnik darauf verständigt, unsere Jahrestagungen zur Werkstoffwoche zusammenzulegen, um die Zahl der Tagungen zu reduzieren. Viele Kollegen, die in zwei oder sogar in allen drei Vereinen Mitglied waren und sich auf der jeweiligen Jahrestagung gerne sehen ließen, begrüßten diese Entwicklung sehr.
Die erste Werkstoffwoche fand 1996 in Stuttgart statt und zog mit 1.200 Teilnehmern erstaunlicherweise sogar mehr Kollegen an, als die Summe der früheren Einzelveranstaltungen erwarten ließ. Wegen der anzunehmenden Überlappung hätte man logischerweise mit weniger Teilnehmern rechnen müssen. Ganz klar. Dieses Konzept zog auch Kollegen an, die sonst nicht zu den Jahrestagungen gekommen waren. Die breite Thematik, die die Werkstoffwoche anbietet, hält für jeden etwas bereit. Der Aspekt der Synergie wurde oft genug hervorgehoben.
1998 setzten wir das Konzept in München fort und erreichten 1.500 Teilnehmer. Welch ein Erfolg. 1999 trat die Euromat, die Jahrestagung unserer europäischen Dachgesellschaft, an die Stelle der Werkstoffwoche und legte noch zu. Mit knapp 2.000 Teilnehmern war sie zudem die größte Euromat seit ihrer Gründung. Die Teilnehmer waren naturgemäß nicht mehr dieselben. Sie kamen nun aus 57 Ländern, das deutschsprachige Kontingent umfasste nur noch etwa 800 Teilnehmer.
Wir behielten dennoch Englisch als Tagungssprache bei, um den großen europäischen Einzugsbereich weiterhin anzusprechen, und nannten die Veranstaltung folgerichtig Materials Week. Die Teilnehmerzahl ging zwar ohne den direkten Durchgriff der europäischen Dachgesellschaft etwas zurück, lag mit 1.400 bis 1.600 jedoch weiterhin auf ansehnlichem Niveau.
Was nun einsetzte, war der Rückzug unserer Stammklientel, der in diesem Jahr seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. Die Mitglieder der drei Vereine sehen offenbar immer weniger Anreiz darin, „ihre“ Jahrestagung zu besuchen. Auf den ersten Blick könnte man schließen, die englische Tagungssprache sei dafür verantwortlich. Aber sind nicht unsere Mitglieder weltweit auf englischsprachigen Veranstaltungen zahlreich vertreten?
Mit rund 1.000 Teilnehmern werden wir in diesem konjunkturschwachen Veranstaltungsjahr immer noch eine respektable Tagungsgröße erreichen, allerdings weitgehend ohne unsere Mitglieder.
Sehr geehrte Damen und Herren Mitglieder, Sie fehlen uns. Dieses Gemeinschaftsprojekt der drei Vereine und der Messe München stellt nach wie vor eine große Chance dar, in vereinspolitischer, wissenschaftlich-technischer und nicht zuletzt auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Helfen Sie uns, erforderliche Korrekturen jetzt vorzunehmen.
Ihr
Peter Paul Schepp
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