Biegbarkeit beschreibt die Fähigkeit eines Werkstoffs, eine definierte Biegeumformung zu ertragen, ohne zu versagen (Rissbildung, Delamination, Bruch) oder unzulässige Eigenschaftsänderungen zu zeigen. Sie ist keine einzelne Materialkonstante, sondern ein anwendungsbezogenes Leistungsmerkmal, das das Zusammenwirken von Elastizität, Plastizität, Festigkeit, Duktilität und Gefüge berücksichtigt.
Experimentell wird die Biegbarkeit häufig über normierte Biegeprüfungen (z. B. Drei- oder Vierpunktbiegeversuch, Abkant- oder Falzversuch) charakterisiert. Bewertungsgrößen sind u. a. der minimale erreichbare Biegeradius bezogen auf die Blechdicke, die maximal ertragbare Biegewinkeländerung, die Oberflächenrissfreiheit oder die Resttragfähigkeit nach Biegung. Für dünne Bleche wird die Biegbarkeit oft als Verhältnis r/t (Biegeradius/Materialdicke) spezifiziert.
Werkstoffseitig beeinflussen Mikrostruktur (Korngröße, Textur, Ausscheidungen), Reinheit, Festigkeitsniveau sowie Anisotropie die Biegbarkeit. Höherfeste Stähle oder ausscheidungsgehärtete Legierungen weisen typischerweise eingeschränkte Biegbarkeit auf, während duktil ausgelegte Legierungen größere plastische Krümmungen zulassen. Oberflächenzustand und Defekte (Kratzer, Kerben, Beschichtungen) spielen eine kritische Rolle, da Biegespannungen lokal stark erhöht werden.
Da die Biegbarkeit stark von Prüfbedingungen (Biegerichtung zur Walzrichtung, Biegegeschwindigkeit, Temperatur, Werkzeuggeometrie) abhängt, müssen Spezifikationen immer mit Angabe der Prüfmethodik erfolgen. In der Bauteilentwicklung ist die zuverlässige Prognose der Biegbarkeit essentiell, um Umformprozesse auszulegen, Rissbildung zu vermeiden und Leichtbaupotenziale auszuschöpfen.
© 2026