DGM Aktuell
01.10.2002 (CEST)
DGM AKTUELL 2002, 4, No. 10

„Fachausschüsse sind ein Auslaufmodell“. Fast mag es so scheinen, wenn man die Anwesenheitslisten einiger Ausschüsse näher betrachtet und mit denen früherer Jahre vergleicht.

Die ersten Fachausschüsse der DGM, Walzen und Strangpressen, entstanden Anfang der 1970er Jahre. Auf dem Höhepunkt, Anfang der 1990er Jahre, zählte die DGM 27 Fachausschüsse. Einige waren so groß geworden, dass sie thematisch oder organisatorisch in Arbeitskreise unterteilt werden mussten. Insgesamt gab es damals 63 Arbeitsgremien, in denen mehr als 2.000 Fachleute organisiert waren.

Was veranlasst einen Fachmann oder eine Fachfrau, Mitglied eines Fachausschusses zu werden oder sogar Leitungsaufgaben zu übernehmen und dafür erhebliche Zeit sowie Reisemittel aufzuwenden? Das Hauptinteresse liegt sicher in der Gemeinschaftsarbeit. Man trifft sich im kompetenten Kreis, um Neuerungen auszutauschen und gemeinsame Forschungsvorhaben zu verabreden. Wo sonst sprechen Industrie und Hochschule so unmittelbar miteinander? Wo sonst sitzt man informell mit Wettbewerbern an einem Tisch und stimmt Initiativen ab, etwa für oder gegen eine Norm?

Die Mitarbeit in einem Fachausschuss fördert die eigene Arbeit und schafft wertvolle Kontakte. Für die Leitung bietet sie zudem vielfältige Möglichkeiten der Einflussnahme und der persönlichen Entfaltung als Moderator. Einige Ausschüsse zeigen nach wie vor bemerkenswerte Aktivitäten und haben auch keine Nachwuchssorgen.

Meist finden die Sitzungen am Standort eines Mitglieds statt. Dabei sind Betriebsbesichtigungen oder die Vorstellung von Laboren für Einladende wie Eingeladene gleichermaßen von Interesse. Das war nicht immer so. Die Angst vor dem Wettbewerber hat in den 1950er und 1960er Jahren die Bildung von Fachausschüssen nahezu verhindert.

Dass die Fachausschüsse Anfang der 1990er Jahre einen Boom erlebten, kam nicht von ungefähr. Sie waren hervorragende Instrumente, um Kolleginnen und Kollegen aus Ostdeutschland kennenzulernen und schrittweise in die Fachszene zu integrieren. Zudem entstanden seit Ende der 1980er Jahre mehrere Gemeinschaftsausschüsse zwischen unterschiedlichen Werkstoffgesellschaften. Auch hier mussten zunächst Berührungsängste überwunden werden. Die zunehmende Interdisziplinarität im Werkstoffverständnis machte die Zusammenarbeit jedoch unausweichlich.

Hochleistungskeramik, Pulvermetallurgie oder Plasma-Oberflächentechnologie sind prominente Beispiele für Themenfelder, die mitunter wie eigenständige Vereine auftreten. Welche Chance, die zersplitterte Vereinslandschaft zumindest ein Stück weit zu harmonisieren.

Nun steht eine weitere, noch umfassendere Integrationsaufgabe bevor. Europa. Wie lassen sich Fachausschüsse auf europäischer Ebene gestalten? Sprache und Entfernung sind nur die offensichtlichsten Hindernisse. Mit dem EU-Projekt MatNet versuchen wir seit einiger Zeit aus der Dachgesellschaft FEMS heraus, gemeinsam mit anderen europäischen Dachgesellschaften, neue Wege zu gehen. Es ist eine große Aufgabe, hier nachhaltige Strukturen zu schaffen.

Meine Damen und Herren Mitglieder, eines ist klar. Fachausschüsse sind kein Auslaufmodell. Sie werden gebraucht. Lassen Sie uns dieses Prinzip auf der gesamten Breite unserer Gesellschaft wieder mit neuem Leben füllen.

Ihr
Peter Paul Schepp

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